Stephanie-Carle-Argedad

Leseprobe

Monolog 3: Sophie

Sein Gesichtsausdruck wirkte verständnislos, so als ob er es hier mit einem geisteskranken Wesen zu tun hätte, vielleicht auch nur weil er ihren unvollständigen Äußerungen nicht ganz folgen konnte, was recht durchdacht, kein Wunder war, denn sie selbst hatte keine Ahnung, was sie eigentlich hatte aussagen wollen. Tief atmete sie ein, jetzt musste sie sich aber wirklich zusammenreißen, wenn sie nicht alles zerstören wollte noch bevor es überhaupt begonnen hatte. Mutig schluckte sie den letzten Rest Überraschung hinunter und fuhr langsam fort: „Ich wollte Euch nicht belauschen, ich hatte mich nur gefürchtet, weil Euer Pferd so schnell des Weges trabte.“
Seine Züge entspannten sich prompt. Endlich hatte sie einen Satz geäußert, den er offensichtlich verstanden hatte. Sein Mund verzog sich zu einem Lächeln – einem traumhaften Lächeln. „Oh ja“, nickte er spitzbübisch, „es ist ein sehr impulsives Pferd.“ Der Rappen wieherte erneut ob seiner Empörung über diese Aussage, wo doch jedem der Anwesenden klar war, dass der junge Mann in Bezug auf diese Eigenschaft vielmehr von sich selbst als von dem Tier gesprochen hatte. „Und es ist wahr, Ihr habt mich erschreckt. Und tut es noch immer“, gab er offen zu.
Nervös und verwirrt zugleich blieb Sophie nichts anderes übrig, als abzuwarten, bis der Prinz deutlicher machte, was dieser Satz zu bedeuten hatte und zum Glück kam er diesem unausgesprochenen Wunsch auch sogleich nach. „Es erschreckt mich, dass eine so wunderschöne junge Frau bei diesem unmenschlichen Wetter und hereinbrechender Dunkelheit mutterseelenallein am Waldrand… Blumen pflückt“, schloss er schließlich nach kurzem Innehalten, um darüber nachzudenken, was sie denn wohl hier sonst gemacht haben könnte.
Statt einer Antwort gab Sophie nur ein verlegenes Lächeln zurück und senkte verlegen ihren Blick. Was hätte sie auch sagen sollen? Dass sie sich als entflo-hene Sklavin an diesem Ort vor den Soldaten versteckt hatte? Da konnte sie sich ja gleich ihr eigenes Todesurteil verkünden. „Ich bin Tristan“, versuchte er nun einen anderen Weg einzuschlagen und streckte ihr dabei freundlich die Hand entgegen, da er zu merken schien, dass sie das Geheimnis ihres Hierseins lieber für sich behalten wollte.
„Sophie“, erwiderte sie und ergriff seine Hand, während sie ganz genau den Ausdruck in seinen Augen beobachtete. Er schien sich nicht mehr an sie zu erinnern, denn kein Blitzen, und sei es auch noch so klein, ließ die Vermutung aufkommen, dass sie ihm in irgendeiner Weise bekannt vorkam. Enttäuschung machte sich in Sophie breit, gemischt mit einem Anflug von Erleichterung, denn es war keineswegs vorhersagbar gewesen, wie er reagiert hätte. „Sophie, also“, lächelte er, „das bedeutet Weisheit, wenn mich nicht alles täuscht, aber ob es so weise ist, sich noch so spät hier in der Kälte aufzuhalten?“ Oh ja, dachte sie, so lange du nur wahrhaftig bei mir bist.
„Du bist nicht sehr gesprächig, Sophie“, bemerkte Tristan, „darf dich ein junger Ritter wie ich es bin vielleicht sicher nach Hause geleiten?“ „Nein“, lehnte Sophie hastig ab. Vielleicht ein bisschen zu hastig und zu entschieden, denn ihr Gegenüber zuckte durch ihre heftige Äußerung verwirrt zurück.
„Du brauchst dich wirklich nicht vor mir zu fürchten“, entschuldigte er sich, unsicher, wie er auf diesen Ausbruch reagieren sollte.
„Ich habe keine Angst vor dir“, versuchte Sophie die Situation zu entspannen, „es ist nur… Ich werde nicht mehr nach Hause zurückkehren.“
„Oh, das ist lustig“, amüsierte sich der Jüngling und ließ sich nun neben Sophie im Gras nieder. „Weißt du, genau so etwas in der Art habe ich mir vorhin ebenfalls überlegt. Vielleicht sind wir uns ähnlicher als ich dachte.“
„Ja, vielleicht“, lächelte Sophie, nervös durch seine plötzliche Nähe, und bemühte sich verzweifelt, das allzu festsitzende Armband, welches sie seit ihrer Ankunft hier zu tragen gezwungen war, unter ihren Ärmel zu schieben, so dass er es nicht bemerkte. Es bewegte sich keinen Millimeter, so fest lag es an ihrer Haut an. Sie spürte ein leichtes Ziehen der dünnen Härchen an ihrem Arm, als sie trotz aller Sinnlosigkeit ihres Vorhabens trotzig weiter versuchte, den kupfer-nen Reif zu bewegen. Diese Bemühungen erwiesen sich als ebenso zwecklos wie das Zerren am zu kurzen Ärmel ihres Kleidchens. Also konnte sie sich nur geschlagen geben und hoffen, sein Blick möge nicht auf das ‚Schmuckstück‘ fallen, das sie unzweifelhaft als Sklavin identifizierte. Er hatte ja keine Vorstellung davon, wie viele Welten tatsächlich zwischen ihnen beiden lagen.
„Nun, darf ich nach dem Grund fragen, warum ein hübsches, junges Mädchen wohl von zu Hause fliehen möchte?“, plauderte Tristan unbekümmert weiter. Ihn schien das Ganze zu amüsieren, „Oder nein, sag es nicht, lass es mich erraten. Also“, er drehte sich zu ihr um und der Spaß, den ihm diese Unterhaltung zu machen schien, war deutlich in seinem funkelnden Blick zu erkennen. „Also, das junge Mädchen“, er zeigte an ihr hinab, „ist eine junge Lady und ihr Vater ist sehr besorgt, denn alle Männer seines Hofes haben ein Auge auf dieses bildschöne Wesen geworfen. Also engagiert er einen alten gebrechlichen, aber gut situierten Vetter, mit dem er seine Tochter zu vermählen beabsichtigt. Diese jedoch bekommt Wind von den bösen Machenschaften des Vaters und da sie beschlossen hat, ihre holde Unschuld zu bewahren, flieht sie aus dem Haus ihrer Eltern und findet sich nun alleine auf einer Lichtung wieder.“ An dieser Stelle hielt er kurz inne, um sie eingehend zu studieren, „Nun? Habe ich recht?“
„Ja, so ungefähr“, sagte Sophie uneindeutig.
Der Junge lachte. „Gut, nun bist du an der Reihe.“
„Ich?“
„Ja, los. Warum trage ich mich mit dem Gedanken, von Zuhause zu verschwinden?“, fragte er und lehnte sich an den Baumstamm hinter sich zurück, voll froher Erwartung, wie viel Wahrheit er wohl in ihrer Geschichte wiederfinden konnte.
„Ich… also… nein, ich kann das nicht“, wehrte Sophie schnell ab. Was sollte sie denn erfinden, wo sie doch genau wusste, wer er war und wohl zu ahnen glaubte, welche Art von Kummer ihn quälte.
„Nun sei keine Spielverderberin, Sophie. Ich habe dir meine Vermutung offenbart, und war dabei gar nicht so schlecht, nicht wahr? Also, sei weise und lass mich hören, was du von mir denkst. Auf diese Weise lernen wir uns doch beide besser kennen.“
Wenn du wüsstest, wie gut ich dich kenne, dachte Sophie bei sich, du hast ja keine Ahnung. Doch ein Blick, den sie wagte, zeigte sein erwartungsvolles Gesicht, das keine Ausrede gelten lassen würde.