Stephanie-Carle-Fuer-Samantha

Leseprobe

Prolog

„Samantha! Samantha! Du warst kein artiges Mädchen!“
Samantha war schlagartig wach. Scheiße. Ich bin eingeschlafen…
Die Stimme säuselte an ihrem Ohr. Er war nah. Viel zu nah.
Samantha riss die Augen auf und wappnete sich gegen den verhassten Anblick. Doch wie immer gelang es ihr nicht. Er stand vor ihr, hochgewachsen, mit nassen, blonden Haaren. Offenbar war er gerade aus der Dusche gesprungen und hatte sich in freudiger Erwartung ihres Gesichtsausdrucks, ihrer Angst nicht einmal die Zeit zum Föhnen genommen.
„Bitte, ich war artig. Ich… ich habe nicht geschlafen“, flehte Samantha heiser und schluckte. Ihr Mund war trocken. Sie hatte geschlafen.
Sein Lächeln war gutmütig. Und falsch. Die Eckzähne, die er dabei entblößte, glichen einem Raubtier, welches gerade sein hilfloses Opfer in die Enge getrieben hatte und seine furchteinflößende Aura verstärkte diesen Eindruck noch mehr. Langsam ging er in die Hocke. Viel zu langsam. Berechnend.
Samantha verfolgte jede einzelne Bewegung genauestens. Sie war das in die Enge getriebene, hilflose Opfer. „John, ich bitte dich, glaub mir. Ich habe nicht geschlafen. Ich bin… umgekippt. Aber jetzt bin ich da, voll und ganz. Bitte.“
„Streck deine Hand vor“, forderte er und seine grünen Augen glänzten vor Erregung.
Samantha spürte, wie ein gewaltiges Zittern ihren Körper erfasste. Er hielt ein Werkzeug in der Hand, das Samantha als Feile identifizierte. Obwohl sie nicht wie eine Nagelfeile zu einer Spitze auslief, sondern in einer harten Kante endete, wirkte sie alles andere als stumpf. Panisch schüttelte Samantha den Kopf. „Nein“, stammelte sie. „Nein, John. Bitte, ich flehe dich an! Es wird nie wieder passieren. Ich werde von jetzt an artig sein.“
„Streck deine Hand vor!“, brüllte er.
Samantha gehorchte. Ihr Arm zitterte und heiße Tränen schossen ihr in die Augen. „Bitte John…“, setzte sie noch einmal verzweifelt an, doch ihre Stimme brach unter ihrem Schluchzen. Ich kann nicht mehr. Ich kann einfach nicht mehr. Ihr Körper schrie nach Schlaf. Ich bin müde. So müde.
Blitzschnell packte der Mann ihre Hand und hielt sie fest. Samantha zuckte heftig zusammen. Dann drehte er sie unsanft auf den Bauch. Sie schrie auf. Er schleifte sie zu dem kleinen Holztisch; jede Bewegung fügte ihrem gepeinigten Körper neue Schmerzen zu. Lass mich doch einfach schlafen, flehte sie innerlich. Für immer schlafen.
Während er sich rittlings auf ihren Rücken setzte, so dass ihr durch sein Gewicht sämtliche Luft entwich, spreizte er ihren Zeigefinger ab und drückte ihn fest auf die Tischplatte. Ein Krächzen entfuhr Samantha. Er war schwer, sein Griff unbarmherzig wie eine Schraubzwinge um ihr Handgelenk geschlungen. Sie spürte, wie die Kante des Tischs in ihre Haut schnitt, doch so sehr sie sich auch gegen seine Kraft zu wehren versuchte, es gelang ihr nicht, sich zu befreien. „John, bitte! Bitte, ich mach es wieder gut.“ Das klang keineswegs überzeugend. Darüber hinaus gab es nichts, womit sie es wieder gut machen konnte.
Er hob die Feile in die Höhe und das Metall blitzte scharf und gefährlich im kühlen elektrischen Licht. Sie wollte die Augen schließen, wegsehen, doch wie gebannt blieb ihr Blick auf das grausame Folterwerkzeug geheftet. „John. John, John, John!“ Samantha spürte, wie ihre Hand sich verkrampfte. Jeder einzelne Muskel war zum Bersten gespannt. Das konnte er doch nicht wirklich tun! Das konnte doch nicht sein Ernst sein!
Doch, kann es. Oder hat er dir je etwas vorgemacht? Er hat jede einzelne Drohung in die Tat umgesetzt. Jede.
„Wenn du dich wehrst, kann es sein, dass ich zweimal zuschlagen muss. Tut doppelt weh“, sagte er und es klang wie die schlichte Feststellung, dass das Wetter schlechter wurde.
Mit letzter Verzweiflung packte Samantha ihn mit der anderen Hand am Hosenbein. Auch hier war ihr Bewegungsspielraum viel zu klein. „Bitte John, ich mache alles, was du von mir verlangst. John, ich flehe dich an! Nur dieses eine Mal, bitte! Ich verspreche dir, ich werde nie wieder unartig sein. Ich werde nie wieder schlafen, ich schwöre es!“ Die Tatsache, dass dieses Versprechen unmöglich zu realisieren war, verhöhnte Samantha noch mehr als ihre kläglich bettelnde Stimme.
„Ach Samantha“, sagte er und wirkte über ihre Verzweiflung höchst amüsiert. „Du wirst es sowieso wieder nicht schaffen.“
Unter einem Schleier aus Tränen blickte sie, so weit es die Situation zuließ, flehend zu ihm auf. „Gib mir noch eine Chance, John. Nur diese eine. Was hast du denn zu verlieren?“
„Spaß“, entgegnete er ihr ohne Nachzudenken. Er strich mit der Kante des Folterwerkzeugs an der Stelle entlang, wo Samanthas Zeigefinger mit dem Handrücken verwachsen war. Dann hob er abrupt zum Hieb an.
Samantha weinte nun haltlos. „Nein! Bitte, nicht! Um Himmels Willen John! Ich habe dich geliebt!“
Die Feile fuhr mit atemberaubender Geschwindigkeit nach unten und Samantha hörte ihren eigenen, gellenden Schrei lange bevor das Werkzeug die Tischplatte erreichte.