Stephanie-Carle-Solis-Stadt-der-Sonne

Leseprobe

Was ist hier los?“, fragte Aidan scharf. Die Angesprochenen sahen ihm nicht in die Augen. Sie wirkten wie Kinder, die beim Süßigkeitennaschen ertappt worden waren. „Was – ist – hier – los?“, wiederholte Aidan ungeduldig und versuchte sichtlich, sich auf die vorgefundene Situation einen Reim zu machen. „Sie weigert sich, Aufforderungen zu befolgen“, fand Zara als erstes ihre Sprache wieder.
„Welchen Aufforderungen?“, verlangte Aidan zu wissen und beobachtete sie abschätzend. Seinem wachen Blick konnte die blonde Frau nicht standhalten. Stattdessen antwortete sie mit Schweigen und Wegsehen.
„Welchen Aufforderungen seid Ihr nicht nachgekommen?“, wandte er sich ohne Umschweife an Delilah.
Sie zuckte zusammen, nicht ob der Heftigkeit in seiner Stimme, sondern weil er SIE fragte. Er wollte es von IHR wissen. Also würde sie es ihm sagen. Und dann würde man sehen, wie seine Reaktion darauf aussah. „Sie hat von mir verlangt, dass ich vor ihr auf die Knie gehe“, antwortete sie aufrichtig und konnte ihm dabei ohne Probleme in die Augen sehen.
„Aber das werde ich nicht tun. Ich habe zu keiner Zeit von irgendjemandem verlangt, sich mir auf diese herablassende Art zu unterwerfen. Und ich werde mich auch niemals vor jemandem auf die Knie werfen. Da könnt Ihr mich schlagen, so oft Ihr wollt.“ Wahrscheinlich war das etwas übertrieben. Sie würde nicht sehr lange standhalten, wenn man sie verprügeln würde, nachdem bereits Symurs Ohrfeigen ihr die Tränen in die Au-gen trieben. Aber im Augenblick fühlte sie sich stark.
„Du hast sie wieder geschlagen“, folgerte Aidan aus Delilahs Aussage und forderte Symur zu einer Stellungnahme auf.
„Sie wollte nicht gehorchen. Sie muss lernen, wer hier das Sagen hat“, mischte Zara sich ein, da ihr Bruder etwas zu lange zu zögern schien.
„Das solltet ihr auch!“, fuhr Aidan sie barsch an und ihre Antwort blieb ihr mit offenem Mund im Halse stecken.
Das geschah ihr recht. Delilah triumphierte innerlich. Arrogantes Miststück.
Wieder etwas ruhiger wandte Aidan sich an Symur: „Geh mir aus den Augen. Ich kann dich hier nicht gebrauchen, wenn du dich nicht an die Regeln hältst. Davon hängt alles ab: Unser Plan, unsere Ziele, unser Scheitern. Es hilft keinem, wenn du sie zusammenschlägst, dass sie nicht mehr laufen kann. Wir haben einen weiten Weg vor uns und ich bezweifle, dass du sie die ganze Zeit über tragen möchtest.“ Symur setzte zum Protest an, doch Aidan hob abwehrend die Hand. „Geh einfach, Symur. Bevor ich mich vergesse.“ Die Drohung wirkte. Wortlos verließ Symur die Hütte, Zara folgte ihm unmittelbar. Bei ihrem Abgang reckte sie die Nase und würdigte ihren Verlobten keines Blickes. „Und warum hältst du dich nicht an das, was ich sage?“, fuhr Aidan fort und nahm dabei Benij ins Visier, der sichtlich zusammenzuckte, weil er wohl nicht damit gerechnet hatte, dass auch er eine Standpauke erhalten würde.
„Sie… Ich…“, stammelte er und verstummte. Eine Ausrede gab es nicht.
Aidan nickte und die Enttäuschung über das Verhalten seiner Verbündeten stand ihm nur allzu deutlich ins Gesicht geschrieben. Immerhin bestand Benij den Anstand, den Blick zu senken. „Mein Temperament ist mit mir durchgegangen“, sagte er schließlich kleinlaut. „Bitte, entschuldige Aidan.“
„Wenn ich mich auf dich nicht verlassen kann, dann bist du mir hier nicht länger von Nutzen“, erklärte Aidan hart.
Benij nickte mit immernoch gesenktem Kopf. „Es wird nicht wieder vorkommen. Ich verspreche es.“
„Gut“, sagte Aidan nach langer Pause. „Ich nehme dich beim Wort. Und jetzt geh und sieh zu, dass alle bereit sind. Wir brechen auf.“
Nachdem Benij gegangen war, blieben sie alleine zurück. Nur sie und Aidan. Das war irgendwie seltsam. Delilah konnte nicht beschreiben wieso, doch ihre Ge-fühle überschlugen sich jedes Mal, wenn sie mit diesem Mann alleine war. Was hatte er nur an sich?, fragte sie sich zum bestimmt hundertsten Mal.
Langsam richtete sie sich wieder auf, vorsichtig darauf bedacht, auf ihren Magen zu hören, doch die extrem starken ersten Schmerzen waren verflogen. Ein wenig flau war ihr zwar immer noch und ein leichtes Schwindelgefühl umgab sie, als sie sich langsam in die Höhe hob, ohne das Gleichgewicht mit gefesselten Händen zu verlieren, doch sie konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob das von dem Fausthieb oder von Aidans Anwesenheit herrührte.
„Tut es sehr weh?“, erkundigte sich Aidan und kam ein Stück näher.
Delilah spürte die Hitze in sich aufsteigen, als er sich ihr näherte. Ihr Herz klopfte schneller und sie verfluchte die Wirkung, die er auf sie hatte. Verdammt, sie sollte ihn hassen! Schließlich war er für all diesen Ärger verantwortlich. „Man hat mich schon besser behandelt“, entgegnete sie.
Seine Mundwinkel zuckten. Dennoch fuhr er ohne das Zeigen einer Reaktion fort: „Ich entschuldige mich für das Verhalten der anderen. Sie sind sehr… impulsiv. Und ihr Ärger staut sich seit langen Jahren. Sie halten es für eine gute Gelegenheit, ihrer Wut an Euch freien Lauf zu lassen.“
„In Euch staut sich der Ärger auch schon seit langen Jahren“, sagte Delilah. Sie konnte nicht sagen, weshalb, aber sie wollte das Gespräch so lange wie möglich am Laufen halten, so lange wie möglich mit ihm alleine sein, mehr über ihn erfahren, wie er dachte, wer er war, warum er handelte, wie er es tat. „Und Ihr habt mich noch nicht geschlagen.“
Diesmal lächelte er. „Ich schlage keine Frauen“, stellte er klar. „Und meinen aufgestauten Ärger werde ich an dem Mann auslassen, dem ich ihn verdanke. Ihr seid dabei nur Mittel zum Zweck.“
„Nur Mittel zum Zweck“, wiederholte Delilah und konnte eine leichte Enttäuschung, die in ihren Worten mitschwang, nicht verbergen. Aus irgendeinem unsin-nigen Grund wünschte sie sich mehr für ihn zu sein als nur Mittel zum Zweck.
Aidan beobachtete sie einige Sekunden. Dann bestärkte er: „Ja, Mylady. Mittel zum Zweck. Auch wenn sich das für Euch furchtbar anhören muss und auch wenn ich den Umstand bedaure, dass es Euer Vater ist, dem meine Wut gilt. Ich kann es nicht ändern. Und jetzt müssen wir wirklich aufbrechen. Ich möchte diese Stadt weit hinter mich gebracht haben, bevor die Dunkelheit hereinbricht.“
„Weil Ihr Euch vor Sir Blakes Drohung fürchtet?“, fragte Delilah spitz. Vielleicht konnte sie ihn so noch ein wenig hinhalten.
Aidan lachte laut. „Nein, Mylady. Weil ich mich davor fürchte, Euch noch viel längere Zeit in meiner Nähe zu haben. Und jetzt, wenn ich bitten darf.“