Stephanie-Carle-Spiegelcode

Leseprobe

In seinen Schläfen pochte das Blut, als er zu sich kam. Sein Kopf schien zu doppelter Größe angeschwollen zu sein. Kopfschmerzen. Sie drückten auf die Augen und er schaffte es nicht, sie zu öffnen. Müde versuchte er die Quelle der Schmerzen aufzuspüren und lokalisierte sie schließlich am Haaransatz über der Stirn. Ja, genau über dem linken Auge, denn wenn er die Stirn in Falten legte, spürte er dort plötzlich einen so heftigen Stich, dass sich ihm ein leises Seufzen entrang. Ein Seufzen, das viel zu leise war. Mit einem Schlag überkam ihn eine Hitze, die ihm die Schweißperlen auf die Stirn trieb. An seiner Zunge spürte er den Stoff, in dem sein Seufzen untergegangen war, ebenso wie es jeder andere Laut tun würde, den er von sich zu geben versuchte. Reflexartig bewegte er die Hand, um nach dem Tuch zu greifen und es aus dem Mund zu ziehen, doch seine Hände ließen sich nicht weit bewegen. Er stellte fest, dass er auf einem Stuhl saß und offenbar waren seine Handgelenke hinter der Stuhllehne mit Handschellen aneinander gefesselt worden. Die kurze Kette erlaubte ihm nicht, die Hände so weit voneinander zu entfernen, dass er sie über die Lehne stülpen konnte. Er konnte auch nicht aufstehen, denn seine Beine waren an die Stuhlbeine fixiert.
Schlagartig überkam ihn Panik. Er fröstelte. War er nackt? Er konnte seinen eigenen schnellen Atem auf der Brust spüren. Der Gedanke ließ seine Härchen an den Armen aufspringen. Die Konzentration auf seinen Atem beschleunigte das Blut, das nun regelrecht gegen die Schläfen hämmerte. Sein Kiefer bebte, seine Lunge konnte der ihn überflutenden Luft, die er mit stoßenden Atemzügen einsog, keinen Sauerstoff abringen. Sein Hals zog sich in panischer Angst zusammen und verstärkte das Gefühl der Ohnmacht noch zusätzlich. Er bekam keine Luft mehr. Würde hyperventilieren. Ersticken.
Als die Erkenntnis ihn wie ein kalter Schneeball mitten ins Gesicht traf, spannten sich unwillkürlich sämtliche Muskeln seines Körpers an. Er wollte nicht sterben. Durfte nicht sterben. Durfte sie nicht allein lassen…
Entschlossen drückte er die Nase so fest er konnte gegen seine Schulter und zwang seine Atmung wieder in ruhigere Bahnen. Zähl bis zehn. Eins. Zwei. Bis zwanzig. Drei. Vier. Vier. Die Stirn. Was haben sie mit mir gemacht? Vier. Vier… Fünf. Nicht SIE. Bitte nicht sie. Zähl! Sechs. Zähl weiter… Mit einem Röcheln fuhr er schließlich in die Höhe. Er zitterte an Armen und Beinen, aber sein Atem ging tatsächlich flacher. Erst jetzt spürte er, dass er die Hände zu Fäusten geballt hatte. Als er sie nun langsam öffnete, spürte er die Spannung beinahe wirklich von sich abfallen. Das durfte nie wieder passieren. Er durfte sich nie mehr so weit gehen lassen. Durfte sich nicht der Panik ergeben, denn wenn er eins in seinem Job gelernt hatte, dann dass diese Schwäche sein Leben kosten konnte und das würde er nicht zulassen.
Seine Stirn schmerzte, vermutlich durch eine Platzwunde von einem Schlag auf den Kopf, der ihn hatte ohnmächtig werden lassen. Als er aufgewacht war, fand er sich an einen Stuhl gefesselt wieder, und man hatte ihm seine Kleider gestohlen. Soweit die Fakten. Was war das letzte, an das er sich erinnern konnte, bevor er die Gewalt über seine Sinne verlor? Sie. Nur sie. Sonst nichts. Nichts. Wütend biss er auf das Stück Stoff in seinem Mund, doch es half ihm nicht, sich abzureagieren. Er musste endlich die Augen öffnen. Vielleicht konnte er sich erinnern, wenn er sah, wo er war. Es war immerhin eine Möglichkeit.
Die linke Augenbraue war angeschwollen und das Auge tränte, als er unter großer Anstrengung die Lider zwang sich zu heben. Sein Blick traf nur schwarze Dunkelheit.