Stephanie-Carle-Zwillingsring

Leseprobe

Prolog

Romulus und Remus gründeten die Stadt Rom im April 753 vor unserer Zeitrechnung. Jetzt haben wir wieder April, nur knapp dreitausend Jahre später.
Rom gibt es nicht mehr. Nach dem letzten Weltkrieg war nichts mehr davon übrig. Eurasien gibt es nicht mehr, ebenso wenig Afrika und Australien. Was die Atombomben nicht gleich zerstörten, starb an den Folgen der Katastrophe und schließlich blieb uns nichts anderes übrig, als die alte Welt in der Tiefsee zu versenken.
Alles, was auf dieser Erde noch lebt, ist hier im ehemaligen Amerika. Ein letzter Kontinent, eine einzige zusammenhängende Landmasse; so hat es vor vielen Milliarden Jahren angefangen mit Pangaea, dem Urkontinent. Nach ihm benannten wir unser letztes verbliebenes Stück Land, unsere neue Heimat, die es eigentlich gar nicht mehr hätte geben dürfen. Gegen alle Widrigkeiten ist es uns dennoch irgendwie gelungen zu überleben und einen Neuanfang zu wagen. Doch hier in Pangaemerika ist nichts mehr wie zuvor…
Romulus und Remus hätte es eigentlich gar nicht geben dürfen. Um zu verhindern, dass in seines Bruders Familie Nachkommen entstünden, schickte Amulius Silvius seine Nichte Rhea in den Tempel, um dort Vestalin zu werden. Doch Mars, der Kriegsgott, durchkreuzte seine Pläne – so wie Kriege das immer tun. Er stieg vom Olymp herab und vergewaltigte Rhea. Schließlich gebar sie Zwillinge, die man ihr nach der Geburt entriss. Als ein Hirte einen Weidenkorb aus dem Tiber fischte, fand er darin zwei nackte Jungen und einen funkelnden Ring.
Als der Krieg vor vierzig Jahren sein blutiges Ende fand, war niemand mehr übrig außer ein paar Tausend Amerikanern, die um das nackte Überleben kämpften. Der Naturzustand hatte sich wieder eingestellt mit nur einer einzigen Regel: Der Stärkere überlebt.
Jetzt sitze ich hier am Bett meiner Tochter, meiner unschuldigen, kleinen Tochter, die nichts von all dem Elend und den Grausamkeiten, die sich zugetragen haben und die ich mitgetragen habe, ahnt. Wie sollte sie auch? Ich habe ihr nichts davon erzählt.
Wie hätte ich ihr auch sagen sollen, dass ihr Großvater das Fischen wiederentdeckte und dabei einen Ring aus dem Meer zog? Einen Ring, der in zwei Teile zerbrochen war. Und dass über diesen ein erneuter Kampf entbrannte; ein Kampf, obwohl es so nötig gewesen wäre, dass die Menschen zusammenarbeiteten. Sie hatten aus dem grauenvollen Krieg nichts dazu gelernt. Statt sich zusammenzuschließen und für ein gemeinsames Ziel zu kämpfen, teilten sich die Völker und der einzige Mann, der es mit meinem Vater hätte aufnehmen können, zog mit seiner Hälfte des Schmuckstücks und der dunkelhäutigen Bevölkerung Richtung Süden, während mein Vater sich hier im Norden zum König krönte.
Dieselbe Zwietracht, die auch Romulus und Remus kannten: Sie stritten sich um die Stadt, die sie gemeinsam gegründet hatten. So lange bis Romulus seinen Bruder erschlug. Vor seinem gewaltsamen Ende klammerte sich Remus hilfesuchend an die Kette, die sein Bruder um den Hals trug, mit dem einzigen Andenken an ihre leibliche Mutter. Während Remus fiel, zog er die Kette mit sich; sie fiel zu Boden und der ringförmige Anhänger zerbarst in zwei Teile. Was auch immer Romulus in Zukunft versuchte, der Ring ließ sich nicht mehr zusammensetzen.
Wir haben keine Autos mehr und auch keine Flugzeuge. All das ist Geschichte. Unsere Umwelt ist so belastet, dass wir selbst mit dem geringsten CO2-Ausstoß unser eigenes Todesurteil unterschreiben würden. Es gibt vereinzelt Untergrundbahnen, die auf Magnetismus und Elektrizität basieren, doch hauptsächlich im mittleren Teil Pangaemerikas – den früheren Nordstaaten der USA. Denn während mein Vater und sein Rivale in ihrer gegenseitigen Feindseligkeit gefangen waren, erhob sich unmittelbar vor ihren Augen, doch von ihrem hassgeblendeten Blick unbemerkt, ein neuer Feind, der immer größer und mächtiger wurde.
Er nennt sich King Lear, in Anlehnung an die gute alte Zeit und zu Ehren des Schriftstellers Shakespeare, der wohl einmal sehr bekannt gewesen war. Heute kennen wir seine Werke jedoch nur noch vom Hörensagen. King Lears Ziel ist es, den Zustand von Amerika wieder herzustellen, der vor dem Sezessionskrieg herrschte. Seine Vorgehensweise ist ebenso simpel wie grausam, aber effektiv. Im Grunde besteht sie aus drei Grundregeln. Erstens: Schwarze Männer werden versklavt, um billige Arbeitskräfte zu sichern. Zweitens: Schwarze Frauen werden getötet, um ihre Vermehrung zu stoppen und sie auszurotten, sobald das Land in seinem Sinne wiederaufgebaut ist. Drittens: Weiße Frauen werden unterdrückt, ihre Rechte aberkannt und unterstehen fortan gänzlich dem Willen der höheren weißen männlichen Rasse. Seine Krieger sind gut ausgebildet und sein Einflussbereich dehnt sich von Tag zu Tag weiter aus.
Und ich sehe meiner wunderschönen Tochter beim Schlafen zu. Beobachte, wie friedlich sie atmet, wie unbesorgt sie ist. Es bricht mir das Herz zu wissen, dass ich sie vor all den Gräueln nicht beschützen kann. Im Gegenteil: Je länger ich in ihrer Nähe bin, desto größer ist die Gefahr, in der sie schwebt. Denn sie ist die Auserwählte, die Eine, der ich meine Hälfte des Zwillingsrings vermachte. Die Eine von zwei Menschen, die von King Lear gejagt werden wird bis in den Tod, denn nur die Macht des geeinten Ringes vermag die Menschheit noch zu retten und seine tyrannische Herrschaft zu stoppen.
Der Ring ist gut versteckt, so dass niemand ihre Bestimmung erkennen und sie verraten kann. Mein kleines Mädchen. Sie war so tapfer, als ich ihr die Handfläche mit einem kurzen Schnitt auftrennte, um den Ring zu implantieren. Auch als ich die Wunde zunähte, gestattete sie sich nicht eine einzige Träne. Ich greife nach ihrer linken Hand und sehe nur noch eine feine Narbe, die sich in filigranen weißen Linien mit den Furchen im Handteller verbindet.
Sie ist einzigartig, meine Tochter, und sie besitzt Mut und Stärke; ich weiß, dass sie King Lear stürzen kann. Eines Tages, wenn sie demjenigen begegnet, der die andere Hälfte des Ringes bei sich trägt. Sie wird es schaffen; ich muss es einfach glauben. Sonst ist mein Opfer umsonst.
Sire, es wird Zeit.
Ich zucke zusammen. Mein Diener hat Recht. Höchste Zeit. Schon viel zu lange verweile ich an ihrer Seite. Warum nur fällt es mir so schwer, das Richtige zu tun? Es muss sein. Um ihretwillen. Wenn die Ringe sich vereinen, werden die Ketten brechen und die Waffen bersten. So steht es eingraviert in dem wertvollen Schmuckstück, welches allein die Menschheit noch retten kann. Ich flüstere ihr die Worte noch einmal in ihre Träume, obwohl ich weiß, dass sie sie nie vergessen wird.
Sie wird Opfer bringen müssen, große Opfer und ich weiß nicht, ob sie daran zerbrechen wird. Doch mir bleibt einzig der Glaube an ihre Stärke.
Es zählt nur, dass du am Leben bleibst, flüstere ich – mein eigenes Opfer vor Augen, ohne dich ist die Prophezeiung wertlos und die Welt verloren.
Sire!

Ich erhebe mich widerstrebend. Mein Herz ist schwer. Ein Kuss zum Abschied auf ihre zarte, weiße Stirn. Ich streiche ihr ein letztes Mal die Haare aus dem Gesicht und beginne, mich mit meinem unabwendbaren Schicksal abzufinden. Das ist nun einmal die Rolle, die ich in dem Ganzen spiele.
Leb wohl, mein Mädchen. Leb wohl, Anjella.